Entwicklung der Archäologie seit Heinrich Schliemann

Keramikfunde aus den Anden

Das Interesse der Menschen an ihrer Vergangenheit lässt sich auf Tausende von Jahren zurückverfolgen. Bereits im 6. Jh. v. Chr besaß die babylonische Prinzessin Ennigaldi-Nanna in ihrem Palast in der Stadt Ur eine umfangreiche Antikensammlung. Doch eine gezielte Erforschung der Vergangenheit gab es damals noch nicht. Man verließ sich auf die wenigen schriftlichen Aufzeichnungen, die meist von Priestern angefertigt wurden oder man hielt sich an Sagen und Legenden, die von historischen Ereignissen berichteten.

Als Napoleon mit seinen Truppen nach Ägypten kam, brachte er auch einige Altertumsforscher und Zeichner mit. Der französische Kaiser hatte ein großes Interesse an der Geschichte Ägyptens und ließ von vielen der Tempel und Paläste Zeichnungen anfertigen. Auch seine Altertumsforscher waren darum bemüht, den ägyptischen Denkmälern so viel von ihren Geheimnissen abzuringen, wie möglich. Doch leider gingen sie dabei nicht gerade besonders sorgfältig vor. Wenn man sich ihre Arbeitsmethoden aus heutiger Sicht betrachtet, erscheinen sie einem eher wie Grabräuber als wie wissenschaftliche Altertumsforscher.

Um sich Zutritt zu verschlossenen und versiegelten Tempeln, Grabkammern usw. zu verschaffen, schreckten sie auch nicht vor dem Einsatz von Sprengstoff zurück. Auch wollten sie ihre Fundstellen so schnell wie möglich freilegen, ohne dabei auf Tonscherben oder die Schichten zu achten, in denen sich diese befanden.
Systematische Grabungen und genaue Aufzeichnungen der Fundstücke gab es zu dieser Zeit noch nicht.

Erst Heinrich Schliemann, ein deutscher Kaufmann, der zu einigem Reichtum gelangt war und der ein besonderes Interesse an der Geschichte und vor allem an den Schriften des griechischen Dichters Homer hatte, leitete sozusagen ein neues Zeitalter in der Archäologie ein.
Als er sich mit seinem Homer in der Hand auf die Suche nach der Stadt Troja machte, wurde er von den zu dieser Zeit anerkannten Archäologen eher ausgelacht, als ernst genommen. Doch wie wir heute wissen, hatte Heinrich Schliemann Erfolg und er fand Troja. Obwohl inzwischen nachgewiesen wurde, dass die Schicht, in der die Überreste von Schliemanns Troja liegen, nicht aus der Zeit des homerischen Trojas stammen, ist die Leistung, die der deutsche Kaufmann erbracht hat erstaunlich.

Als einer der ersten begann er die Fundstelle systematisch freizulegen. Vorsichtig wurde eine Schicht nach der anderen entfernt und auch die Tonscherben, die man immer wieder fand, wurden nicht unachtsam bei Seite geworfen, sondern ebenfalls aufgehoben und katalogisiert. Besondere Aufmerksamkeit widmete Schliemann auch den verschiedenen Erdschichten, in denen er die Überreste einer untergegangenen Stadt fand. Über jeden seiner Funde fertigte er Zeichnungen und auch Fotographien an, was zu dieser Zeit äußerst selten war, da auch die Fotographie ein noch relativ neues Medium war.
Doch muss auch gesagt werden, dass Heinrich Schliemann einige grobe Fehler während seiner Grabungskampagnen gemacht hat. Obwohl er sonst sehr sorgsam mit seinen Fundstücken umging, ließ er andererseits ganze Gebäude niederreißen, um so besser an andere Stellen heranzukommen. Die Bedeutung dieser Gebäude und der zahlreichen Mauern, die er niederreißen ließ, waren ihm in dem Fall nicht ganz so wichtig.

Auch heute noch gehen die Archäologen im Großen und Ganzen ähnlich wie ihre Vorgänger aus alten Zeiten vor. Jedoch stehen ihnen heute wesentlich mehr technische Möglichkeiten zur Verfügung. Und neben dem Auffinden von untergegangenen Kulturen und deren Überresten, ist ihre Aufgabe heute auch die Erhaltung dieser Denkmäler und die Erforschung unserer Geschichte an Hand von Artefakten, Ruinen, die Lage der gefundenen Gegenstände und der Erdschicht, in welcher man die Sachen fand. Genau wie unter Heinrich Schliemann, wird auch heute noch akribisch jede einzelne Tonscherbe aufgehoben, katalogisiert und gegebenenfalls auch restauriert.

Je weiter die technologische Entwicklung in unserer heutigen Gesellschaft voranschreitet, umso besser werden auch die Arbeitsbedingungen der Archäologen. Die neuen Methoden zur Auffindung von Ruinen und der Datierung von Artefakten lassen einen immer genaueren Blick in unsere Vergangenheit zu.

Heute werden viele Grabungsstellen erst aus der Luft ausgekundschaftet, bevor überhaupt ein Archäologe seinen Fuß auf dieses Gebiet setzt. Seit Beginn der Luftfahrt nahm die Luftbildarchäologie einen immer wichtigeren Teil der archäologischen Arbeit ein. Vor Arbeitsbeginn werden erst ausführliche Luftaufnahmen gemacht, die dann von einem Expertenteam ausgewertet werden. Erst danach beginnt das sondieren des künftigen Grabungsgebietes.
Doch auch in diesem Bereich hat sich in der Zeit seit Heinrich Schliemann einiges getan. Stieß man früher einfach einen Spaten in das vermutliche Grabungsgebiet und hoffte so auf einen Fund zu stoßen, wird das Gebiet heute erst eingehend Untersucht. Nach den Luftaufnahmen und deren Auswertung wird ein kleiner Teil der Grabungsstelle abgeteilt und durch elektromagnetische Felder wird untersucht, ob eine Grabung sich an dieser Stelle überhaupt lohnt. Die elektromagnetischen Felder ermöglichen es dem Archäologen festzustellen, ob sich unterhalb der Erdoberfläche mögliche Baureste, Ruinen oder andere Fundstücke befinden.

Sobald ein Gebiet zur Grabungsstelle wurde, beginnen die eigentlichen Arbeiten der Ausgrabung. Hier geht man häufig noch immer so vor, wie zu alten Zeiten. Nachdem die ersten Schichten des Bodens sauber abgetragen wurden und man sozusagen zur ersten historischen Schicht vorgedrungen ist, beginnt die Arbeit mit dem Pinsel. Jedes Stück wird genau katalogisiert, fotografiert und eingepackt, damit es später eingehend untersucht werden kann und so mögliche Hinweise auf das Leben der früheren Menschen im Grabungsgebiet zulässt.
Jede einzelne Erdschicht wird gesondert untersucht, wobei jede Schicht auch für ein anderes Zeitalter steht. Jedes noch so kleine Teil kann einen wichtigen Hinweis auf die Geschichte geben, sei es eine Tonscherbe, ein großer Goldfund oder auch nur ein Samenkorn.

Sobald die Artefakte dann katalogisiert sind, werden sie einer ausführlichen Untersuchung unterzogen, damit man sie möglichst genau datieren kann.
Um ein Artefakt genau datieren zu können, gibt es verschiedene Möglichkeiten.
Eine der ersten Datierungsmethoden, die erstmals 1901 angewendet wurde, ist die sogenannte Dendrochronologie (Baumring-Datierung), die die unterschiedliche Dicke der Wachstumsringe von grünem oder bereits totem Holz zur Grundlage hat. Durch übereinstimmende Muster der Wachstumsringe bei lebenden und toten Bäumen lässt sich eine Chronologie von Holzgegenständen und Holzgebäuden für einen Zeitraum von bis zu 7.000 Jahren erstellen. Doch leider ist diese Art der Datierung nicht immer sehr genau.

Die Thermolumineszenz wird dagegen häufig für die Datierung von Fundstücken aus dem Neolithikum (Jungsteinzeit) verwendet.
Mit der Thermolumineszenz wird eine schwache Radioaktivität in Keramik und Gegenständen aus gebranntem Ton gemessen. Durch Erhitzen werden Elektronen freigegeben, die abgestrahlte Lichtmenge erlaubt dann die genaue Bestimmung des Zeitraums, in dem der Ton ursprünglich gebrannt wurde.

Eine der bekanntesten Datierungsmethoden ist die Radiokarbon–Methode, besser bekannt als C-14–Datierung.
Diese Methode beruht auf den radioaktiven Zerfall des Kohlenstoff–Isotops Carbon–14, welches durch kosmische Strahlung in der Atmosphäre entsteht. Dieses Kohlenstoff–Isotop wird von allen lebenden Organismen aufgenommen und beginnt mit deren Absterben stetig zu zerfallen. Da die Halbwertzeit von Carbon–14 5.730 Jahre beträgt, lässt sich mit dem Feststellen der verbliebenen Kohlenstoff–Isotope der Zeitpunkt des Absterbens des Organismus berechnen.
Auf diese Weise können sowohl Knochen, Holzkohle, Bauholz und andere organische Fundstücke datiert werden.
Dieses Datierungsverfahren wurde erst seit den späten 1940er Jahren entwickelt.
Doch obwohl dieses Datierungsverfahren eigentlich sehr genau ist, werden durch umweltbedingte Einflüsse auch hier gelegentlich falsche Daten ermittelt, die dann aber durch Vergleiche mit der Dendrochronologie und anderen Methoden überprüft, verglichen und berichtigt werden können.

Die Entwicklung der Ausgrabungs- und Datierungsmethoden gehen stetig weiter, heute werden zusätzlich zur Luftbildarchäologie auch Satelitenaufnahmen verwendet, die unter Umständen nicht nur vermutliche Ruinen an Land, sondern auch unterhalb der Wasseroberfläche erkennen lassen können.

Obwohl sich die Archäologie seit ihren Anfängen entscheidend weiterentwickelt hat, was die technischen Möglichkeiten zum Auffinden und zur Datierung von Artefakten angeht, hat ihre eigentliche Arbeit sich kaum verändert. Noch immer gehören Spaten und Pinsel mit zu den wichtigsten Arbeitsutensilien der Archäologen, denn die eigentliche, vorsichtige und systematische Ausgrabung kann ihnen kein technisches Gerät abnehmen.

   
 

 

 

 
   




 

 

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