Das prähistorische Gräberfeld Niederkaina

Gräberfeld Niederkaina, vorläufiger Gesamtplan mit dem gesamten Nadelvorkommen, 
gegliedert nach den Herstellungsmaterialien

Auf dem Schafberg, einem zum Sandabbau genutzten Hügel in Niederkaina bei Bautzen wurden bereits Anfang des 19. Jahrhunderts immer wieder archäologische Funde geborgen. Und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, im Jahr 1926, führten der Bautzener Lehrer W. Frenzel und das Bautzener Museum Ausgrabungen durch, die darauf hinwiesen, dass sich auf dem Schafberg eine außergewöhnlich große Nekropole mit reichlich ausgestatteten Gräbern befand. Durch den zweiten Weltkrieg ging das Interesse an der Nekropole zurück und es drohte später sogar die Erweiterung der Sandgrube, wodurch mit der Zerstörung des Gräberfeldes gerechnet werden musste. Das damalige Landesmuseum für Vorgeschichte in Dresden reagierte mit groß angelegten Rettungsgrabungen, die in den Jahren zwischen 1960 und 1972 durchgeführt wurden.

Mit seinen mehr als 2000 Bestattungen, über 20000 Fundstücken und einem ungefähren Hauptbelegungszeitraum von 2000 Jahren gehört das Gräberfeld von Niederkaina zu den wichtigsten und größten Fundstellen in Deutschland. Bereits in der Mittelsteinzeit (Mesolithikum – 7000 bis 6000 v. Chr.), wurde mit der Besiedlung der Oberlausitz begonnen und die Anhöhe des Schafberg nahm schnell eine zentrale Stellung als Bestattungsplatz ein, doch sind für diese Zeit nur sehr wenige Bestattungen tatsächlich belegt. In der ausgehenden Jungsteinzeit (Schnurkeramik – 2500 bis 2000 v. Chr.) dagegen, wurde damit begonnen auf dem Schafberg einen ausgedehnten Friedhof anzulegen, der von da an für die nächsten 1500 Jahre der Bronze- und Früheisenzeit kontinuierlich als Bestattungsplatz genutzt wurde. Etwa um 500 v. Chr. bricht die Besiedlung für mehrere Jahrhunderte in der gesamten Oberlausitz ab und der Schafberg verliert ebenfalls an Bedeutung als Bestattungsplatz.

In Niederkaina kann durch die kontinuierliche Belegung des Gräberfeldes die Lausitzer – Kultur von der ausgehenden Mittelbronzezeit bis zu ihrer Auflösung in der Späthallstattzeit verfolgt werden. Doch deckt die Begräbnisstätte insgesamt, mit variierender Intensität, einen Zeitraum vom Spätneolithikum bis in die Späthallstattzeit ab.

Durch die kontinuierliche und außergewöhnlich lange Nutzung dieses Gräberfeldes, bietet Niederkaina viel, um dem Verständnis der prähistorischen Kulturen im östlichen Mitteleuropa und vor allem der Lausitzer – Kultur näher zu kommen. Vor allem der Länderübergreifenden Verbreitung in Ostdeutschland, Polen, Tschechien und der Slowakei.

Um eine recht genaue Chronologie des Ortes zu erstellen, eignet sich ein genauer Blick auf die Gewandnadeln Niederkainas.
Im Gräberfeld von Niederkaina wurden rund 400 Nadeln, bzw. Nadelfragmente gefunden. In etwa 120 Stück dieser Nadeln sind entweder komplett erhalten, oder zumindest so weit, dass es möglich ist ihre Form und Gestaltung klar zu rekonstruieren und zu definieren. Von den Nadelfragmenten sind meistens nur die Nadelschäfte oder sogar nur Teile von diesen erhalten geblieben, jedoch lassen sie sich sicher von den anderen Metallfunden unterscheiden.
Fast alle Schaftteile wurden zusammen mit dem Leichenbrand in den Urnenfüllungen aufgefunden, woraus man schließen kann, dass sie zusammen mit dem Leichnam auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden und somit zur Kleidung des Toten gehörten.
Anders verhält es sich mit den komplett, oder nahezu komplett erhaltenen Nadeln. Sie erscheinen meistens in einem Grabverband zusammen mit anderen Fragmenten. Nur sehr wenige von ihnen wurden direkt in den Urnen gefunden. Die Meisten lagen entweder direkt neben der Urne oder befanden sich noch auf der Urnenschulter, wo sie vermutlich bei der Grablegung ursprünglich angebracht waren. Eine Erklärung hierfür wäre die Sitte, Urnen mit einem Tuch oder Kleidungsstück zu umwickeln, wobei die Nadel zum feststecken des Stoffes gedient haben dürfte. Diese Sitte ist nicht nur auf Niederkaina beschränkt, sondern auch in der näheren Umgebung und in Schlesien, was entsprechende Nadelfunde darlegen. Auch in der westlichen Hallstatt- und Frühlaténezeit wurde in letzter Zeit das Umhüllen von Urnen und Grabgefäßen beobachtet, was möglicherweise auf eine über weite Räume und Zeitabschnitte gebräuchliche Sitte hinweist.
In Niederkaina beginnt die Sitte Urnen mit Stoffen zu umhüllen jedoch erst in der Früheisenzeit.

Hinsichtlich der sozialen Stellung der Bestatteten ist das Deuten der Nadelgräber etwas schwieriger. Obwohl sich zu allen Zeiten der Lausitzer und auch Billendorfer Belegung des Gräberfeldes Nadeln in Gräbern mit einer geräumigen Grabgrube, sowie einer reichlichen Gefäßausstattung nachweisen lassen, kann man dadurch nicht automatisch auf eine sozial höhere Stellung des Bestatteten schließen, da die Nadeln für solch eine Annahme einfach zu häufig vorkommen. Auch lässt sich aufgrund der Nadelfunde nicht auf das Geschlecht des Bestatteten schließen. Mitunter wurden Nadelreste aus verschiedenen Materialien in ein und derselben Urne gefunden. Es ist unklar, ob dies ein Hinweis auf das Geschlecht, oder die gesellschaftliche Stellung des Bestatteten ist, oder ein Anzeichen dafür, dass der Leichenbrand mehrerer Personen in der Urne niedergelegt wurde.

In der Gesamtkartierung der Nekropole sind die Nadeln nach ihrem Material – Bronze, Eisen, Knochen und Gold, sowie die Kombinationen aus bronzeüberfangenen Eisennadeln, goldplattierten Eisennadeln und bronzeplattierten Eisennadeln eingetragen.

Zwischen den Quartieren Ia – IIIa lässt sich anhand der Kartierung ein Übergangsbereich der Urnenfelder- zur Früheisenzeit erkennen. Dieses deckt sich auch mit dem Auftauchen der Eisennadeln. Zwischen den Nadelfunden in den besagten Quartieren, die aus dem neuen und daher vermutlich auch sehr begehrten Material Eisen bestehenden Nadeln, kommen in größerer Anzahl auch immer noch Bronzenadeln vor. Aufgrund ihrer Fundlage können jedoch auch sie bereits der Früheisenzeit zugeordnet werden und belegen damit, dass beide Materialien verwendet wurden.
Trotzdem zeichnet sich anhand der Nadeln keine feste Grenzlinie ab, in der früheisenzeitliche Gräber auftreten. Vielmehr sind sie in einem breiten, halbkreisförmigen Bereich zwischen den Quartieren I im Westen und Quartier II im Osten zu finden.
Auch am äußersten nördlichen Zipfel der Nekropole treten Eisennadelfunde neben Bronzenadeln auf, somit dürfte auch hier ein Übergangsbereich zu vermuten sein. Betrachtet man das Verhältnis der Verbreitung von Bronze- zu Eisennadeln in einer zeitlich bedingten Belegungsentwicklung von Norden nach Süden, scheint es, als seien Eisennadeln zuerst eine begehrte Neuerung des frühen Billendorfs gewesen und würden die althergebrachten Bronzenadeln verdrängen, so gewannen die Bronzenadeln später wieder mehr an Bedeutung, da Eisen vermehrt zur Herstellung von Waffen und anderen Gütern verwendet wurde und so seinen Schmuckwert verlor.
Die Nadeln der Urnenfelderzeit sind auf einen relativ eng begrenzten Bereich im westlichen Zentrum des Begräbnisplatzes konzentriert, und gelegentlich streuen sie in den Nadelfreien Teil hinein. 21 Exemplare lassen sich eindeutig der Lausitzer Belegung des Gräberfeldes zuordnen. In den späturnenfelderzeitlichen Gräbern treten außer zwei Exemplaren keine Nadelfunde auf, was sich nur mit dem Totemritual dieser Zeitstufe erklären lässt. Scheinbar war in dieser Zeitstufe Niederkainas die Mitgabe von Nadeln nicht vorgesehen.
So fehlen in Niederkaina die typischen Nadeln der Späturnenfelderzeit, wie beispielsweise die Nadeln mit kleinem Vasenkopf.
Gründe dafür konnten bisher nicht belegt werden.


Quelle: Heyd, Volker: Das prähistorische Gräberfeld von Niederkaina bei Bautzen, Bd. 3
Theiss Verlag 2004

Text: C. Laschinski Dez. 2005

   
 

 

 

 
   




 

 

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